Dankbarkeit
liegt oft im Selbstverständlichen verborgen
Heute war für mich ein Tag, an dem ich besondere Dankbarkeit empfunden habe. Für eine Entscheidung zu meinen Gunsten in einer Angelegenheit, welche mich am Tag zuvor, völlig unerwartet und mit immenser Wucht aus der Bahn geworfen hatte. Genau genommen bin ich sogar doppelt dankbar dafür. Zum Einen, weil die Entscheidung, welche außerhalb meiner Kontrolle lag, heute positiv für mich ausfiel. Zum Anderen allerdings auch dafür, was mir die Geschehnisse des Vortags gezeigt hatten – wo ich selbst noch besser und achtsamer werden kann – auch wenn diese Lektion alles andere als schön oder toll war.
Wofür bist Du dankbar – oder könntest es sein, wenn Du bewusst darüber nachdenkst? Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, stellen wir sehr oft fest, dass wir vieles für ganz selbstverständlich erachten – doch ist es das wirklich – oder wäre vielleicht etwas mehr Dankbarkeit angebracht?
Dankbarkeit hat viele Gesichter. Und genau darin liegt ihre Kraft.
Da ist die Dankbarkeit für das Besondere. Für diese Momente, in denen etwas geschieht, das uns berührt, erleichtert oder einfach nur tief durchatmen lässt. Eine gute Nachricht. Eine unerwartete Wendung. Ein Gespräch zur richtigen Zeit. Dinge, die wir bewusst wahrnehmen, weil sie aus dem Gewohnten herausstechen.
Doch mindestens genauso wertvoll – vielleicht sogar noch kraftvoller – ist die Dankbarkeit für das Alltägliche. Für die Dinge, die „einfach da sind“. Ein Dach über dem Kopf. Ein warmes Essen. Die Möglichkeit, morgens aufzustehen und den Tag zu gestalten. Begegnungen mit Menschen, die uns vertraut sind. Unser Körper, der uns – oft still und selbstverständlich – durch den Tag trägt.
Und genau hier wird es noch tiefer.
Denn selbst im Groll kann Dankbarkeit verborgen sein. Ein zunächst ungewohnter Gedanke – und vielleicht auch keiner, der sich sofort gut anfühlt. Doch wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir manchmal, dass hinter dem Ärger, hinter der Enttäuschung oder dem Widerstand etwas liegt, das uns etwas offenbart. Eine Grenze, die wir übersehen haben. Ein Bedürfnis, das wir selbst nicht klar ausgesprochen haben. Oder auch die Erinnerung an etwas, das einmal gut war – und wofür wir, bei aller aktuellen Schwere, dennoch dankbar sein können. Dankbarkeit bedeutet nicht, den Groll zu verdrängen. Sondern ihn zu verstehen – und darin vielleicht etwas Wertvolles zu entdecken.
Ein weiterer Bereich, in dem sich Selbstverständlichkeit besonders deutlich zeigt, sind unsere Beziehungen. Wie selbstverständlich nehmen wir unsere Partner:innen, unsere Eltern, Großeltern, Kinder, Enkelkinder, Freunde oder Kollegen? Wie oft erwarten wir, dass sie „einfach da sind“ – so, wie wir es uns vorstellen? Und wie schnell passiert es gleichzeitig, dass wir beginnen zu kritisieren, zu bewerten oder uns zu ärgern, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es gerne hätten? Dabei übersehen wir oft, was diese Menschen tatsächlich für uns sind. Wie sie unser Leben bereichern – manchmal laut und sichtbar, oft aber leise und ganz selbstverständlich.
Ein Blick.
Ein Gespräch.
Ein Dasein, ohne große Worte.
All das verliert seinen Wert nicht – nur weil wir uns daran gewöhnt haben.
Vielleicht liegt genau hier eine der größten Chancen: wieder bewusst zu sehen, was längst da ist.
Und dann gibt es noch eine Form der Dankbarkeit, die sich meist erst im Rückblick zeigt. Die Dankbarkeit für Veränderungen, die aus schwierigen oder sogar schmerzhaften Erfahrungen entstanden sind. Auch gesundheitliche Krisen können – so herausfordernd sie sind – etwas in uns bewegen. Sie können uns dazu bringen, innezuhalten, Prioritäten neu zu setzen, achtsamer mit uns selbst umzugehen oder den Blick auf das Wesentliche zu richten. Nicht, weil diese Erfahrungen „gut“ sind. Sondern weil sie etwas in uns auslösen können, das wir vorher vielleicht nicht erkannt hätten.
Und gleichzeitig ist es wichtig, ehrlich zu bleiben.
Nicht alles lässt sich in ein positives Licht rücken.
Nicht alles sollte mit Dankbarkeit überdeckt werden.
Es gibt Dinge im Leben, die schwer sind. Die ungerecht sind. Die verletzen. Und es wäre weder ehrlich noch respektvoll, so zu tun, als müsste man dafür dankbar sein.
Doch vielleicht geht es auch gar nicht darum. Vielleicht geht es vielmehr darum, dort Dankbarkeit zuzulassen, wo sie sich wirklich zeigt – und sie nicht künstlich zu erzwingen, wo sie keinen Raum hat.
Dankbarkeit für das Besondere fällt uns oft leicht.
Dankbarkeit für das Alltägliche erfordert Bewusstsein.
Dankbarkeit im Groll erfordert Reflexion.
Dankbarkeit im Rückblick erfordert Tiefe.
Und vielleicht ist es genau diese Vielschichtigkeit, die sie so wertvoll macht.
Denn die Art, wie wir etwas betrachten, bestimmt, wie wir es erleben.
Vielleicht magst Du heute – ganz bewusst – einmal für drei Dinge dankbar sein:
Für etwas Besonderes, das Dir gutgetan hat.
Für etwas Alltägliches, das Du sonst kaum beachtest.
Und vielleicht sogar für etwas, das Dich herausgefordert hat.
Nicht, um etwas zu „müssen“.
Sondern um Dir selbst die Möglichkeit zu geben, etwas anders zu sehen.
Und manchmal beginnt genau dort ein leiser, aber entscheidender Perspektivwechsel.
Das verwendete Bild zu diesem Blogartikel basiert auf einer eigenen Aufnahme (Dünenlandschaft) und wurde mit Unterstützung von KI weiterentwickelt. © Sascha Richartz
